„Will there really be a ‚Morning‘?“ Die Fragen von Emily Dickinson’s Pilger.

Durch Zufall bin ich auf ein Gedicht gestoßen, welches Schillers Pilgrim ziemlich ähnelt. Das Ich des Gedichts von Emily Dickinsons Will there really be a „Morning“ ist so viel naiver als das verlorene Ich von Schiller, der nach jahrelanger Wanderschaft die Leere der Welt erblickt, doch das macht Dickinsons Gedicht so fabelhaft. In kurzen regelmäßigen Strophen, die nur aus Fragesentenzen bestehen, zweifelt der Pilgrim nach dem Licht der Welt. In scheinbar absurden Fragen, ob der ‚Morning‘ eher Pflanze (V. 5) oder Tier (V. 6) ist, kann das wandernde Dasein in einer Welt, dessen Tagesablauf nur die Nacht kennt, auf keine Antwort, nicht mal auf eine Vorstellung kommen, was es eigentlich sucht. Denn der Tag nach dem es sucht, ist das Gegenteil der Nacht, in dessen dauerhaften Zustand es gefangen ist, so ist die Idee des Morgens der Ausgang aus seiner eigenen Welt. Das Frage-Schema wird durchbrochen, um in der letzten Strophe Autoritäten zur vergeblichen Hilfe anzurufen: Die ‚Scholars‘ stehen für das vermeintlich sichere Wissen der ‚Sailor‘ steht für die Erforschung für die unerreichbaren Teile der Welt und die ‚Wise Men from the skies‘ sind letztlich die Bitte nach einer geringsten Vorstellung einer Transzendenz. ‚The Place called morning‘ rückt schließlich Zeit und Ort zusammen und ist die Ahnung einer außerweltlichen, unnahbaren und unvorstellbaren Utopie.

„Will there really be a „Morning“?
Is there such a thing as „Day“?
Could I see it from the mountains
If I were as tall as they?

Has it feet like Water lilies?
Has it feathers like a Bird?
Is it brought from famous countries
Of which I have never heard?

Oh some Scholar! Oh some Sailor!
Oh some Wise Men from the skies!
Please to tell a little Pilgrim
Where the place called „Morning“ lies!“

Emily Dickinson