Zur Montagsfrage: Was ist die perfekte Lektüre?

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(c) wiki commons. Helen Stratton – Illustration zu einem Hans Christian Andersens Märchen

Früher konnte ich ausgefallene Literatur nie verstehen. Irgendwie hatsie mich nie betroffen. Das Schicksal anderer Menschen war mir egal, wenn ich mich nicht selbst in ihnen wiederfinden konnte. Also war mein Geschmack ziemlich einseitig: Murakami, Kafka, Comics, Heldengeschichten.. Ich wollte von Menschen lesen, die irgendeine Seite meines Charakters bedienen und war enttäuscht, wenn das nirgends zu finden war. Dann kam mein Germanistik-Studium und ich wurde mit viel mehr Literatur konfrontiert, bei denen die Figuren nicht so sind wie ich. Das hieß aber auch, dass in dieser Umbruchphase lesen nicht immer Spaß gemacht hat, sondern ziemlich anstrengen und mühsam war.

Heutzutage bin ich aber glücklich mit meiner weitaus flexibleren Lesegewohnheit, auch wenn sie noch um ein einiges flexibler sein sollte. Von Literatur erwarte ich heutzutage, dass sie nur noch bis zu einem bestimmten Grad so sind wie ich, um mich aus meiner Alltagswelt abzuholen, Aufmerksamkeit zu erregen und empfänglich zu machen, und danach ganz unterschiedlich zu mir sind, um mir etwas faszinierendes Anderes zu zeigen und mich an Orte führen, auf die ich selbst nie kommen würde. Wenn diese Orte dann auch noch so sehr betreffen, dass man sich gezwungen fühlt sich selbst überdenkt, dann ist für mich die perfekte Lektüre erreicht, die erst im Kopf des Lesers wirklich beginnt.

 

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