Die Kahlheit der Welt. Eichendorffs ‚Auf einer Burg‘.

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von: Projekt Gutenberg

Eichendorff skizziert in Auf einer Burg in wenigen Worten die wohl schönste Szene von Naturkargheit. Oben steht der versteinerte Ritter, über seine Rheinlandschaft blickend, in der sich die Kahlheit der Burg fortsetzt. Die Welt ist still und friedlich, selbst die Vögel des Frühlings haben sich in die Fenster gesetzt und singen jeder für sich ihre Lieder ganz allein. Der Ritter selbst hat sich der Weltbetrachtung verschrieben und scheidet in ruhigster Kontemplation von der Welt, wird bedeckt von der Natur, um in ihr zu sterben und zu ihr zu werden. Das Refugium der Burg ist das zu verteidigende Idealeiner vorzeitlichen asketischen Weltverbundenheit, in der ihre Totalität noch erahnt werden kann. In der vierten Strophe aber wird von der Menschenwelt berichtet – der Regen wird zum Sonnenschein, die stillen Töne weichen der munteren Musik. In der Hochzeit aber, die vermeintlich glücklichste Zeit zweier Liebenden aber auch der Eintritt in das eigene bürgerliche Leben, erfährt die Braut einen melancholischen Wahrheitsmoment: Tränen, die fließen, weil das utopische Bild eines vorzeitlichen Weltgefühls vor langer Zeit verloren und nicht mit dem zeitgenössischen Menschen in Einklang gebracht werden kann.

„Will there really be a ‚Morning‘?“ Die Fragen von Emily Dickinson’s Pilger.

Durch Zufall bin ich auf ein Gedicht gestoßen, welches Schillers Pilgrim ziemlich ähnelt. Das Ich des Gedichts von Emily Dickinsons Will there really be a „Morning“ ist so viel naiver als das verlorene Ich von Schiller, der nach jahrelanger Wanderschaft die Leere der Welt erblickt, doch das macht Dickinsons Gedicht so fabelhaft. In kurzen regelmäßigen Strophen, die nur aus Fragesentenzen bestehen, zweifelt der Pilgrim nach dem Licht der Welt. In scheinbar absurden Fragen, ob der ‚Morning‘ eher Pflanze (V. 5) oder Tier (V. 6) ist, kann das wandernde Dasein in einer Welt, dessen Tagesablauf nur die Nacht kennt, auf keine Antwort, nicht mal auf eine Vorstellung kommen, was es eigentlich sucht. Denn der Tag nach dem es sucht, ist das Gegenteil der Nacht, in dessen dauerhaften Zustand es gefangen ist, so ist die Idee des Morgens der Ausgang aus seiner eigenen Welt. Das Frage-Schema wird durchbrochen, um in der letzten Strophe Autoritäten zur vergeblichen Hilfe anzurufen: Die ‚Scholars‘ stehen für das vermeintlich sichere Wissen der ‚Sailor‘ steht für die Erforschung für die unerreichbaren Teile der Welt und die ‚Wise Men from the skies‘ sind letztlich die Bitte nach einer geringsten Vorstellung einer Transzendenz. ‚The Place called morning‘ rückt schließlich Zeit und Ort zusammen und ist die Ahnung einer außerweltlichen, unnahbaren und unvorstellbaren Utopie.

„Will there really be a „Morning“?
Is there such a thing as „Day“?
Could I see it from the mountains
If I were as tall as they?

Has it feet like Water lilies?
Has it feathers like a Bird?
Is it brought from famous countries
Of which I have never heard?

Oh some Scholar! Oh some Sailor!
Oh some Wise Men from the skies!
Please to tell a little Pilgrim
Where the place called „Morning“ lies!“

Emily Dickinson