Schillers Pilgrim und die trügerische Suche nach dem Höheren.

Die Weltliteratur ist voll von Pilgergedichten, grade weil das Lesen und Dichten so sehr mit dem Wesen des Reisens und des Wanderns verbunden ist, wie auch Walter Moers findet. Der Pilger bringt die neue Dimension des Glaubens hinzu, die Schiller im folgenden Gedicht bereits wieder abstrahiert hat. Die Urgeschichte des Jungen, der auszieht um seinem Lebensweg zu folgen, geht schlecht aus, worin grade darin die Pointe des Gedichts liegt. Egal wie fleißig er sein Lebensideal verfolgt und egal wie er sich ihm zu nähern denkt, am Ende ist da einfach nichts. Das ‚dunkle Glaubenswort‘ war immer nur eine Illusion und mit ihm der Gedanke vom Himmel auf Erden.

Zwar ist der Text ziemlich gut als Religionskritik zu lesen, doch spricht er auch vom säkularen Leben. In einer Welt, wo sich jeder Mensch seine eigene Bestimmung suchen und seinen eigenen Sinn konstruieren muss, kann kein Aussicht vertraulich und kein Glaubenswort wahr sein. Jeder Glaube an etwas Erfüllendes bleibt Selbstlüge und -betrug. Was bleibt ist nur die Leere nach dem Ozean.

Friedrich Schiller – Der Pilgrim

Noch in meines Lebens Lenze
War ich, und ich wandert‘ aus,
Und der Jugend frohe Tänze
Ließ ich in des Vaters Haus.

All mein Erbtheil, meine Habe
Warf ich fröhlich glaubend hin,
Und am leichten Pilgerstabe
Zog ich fort mit Kindersinn.

Denn mich trieb ein mächtig Hoffen
Und ein dunkles Glaubenswort,
Wandle, rief’s, der Weg ist offen,
Immer nach dem Aufgang fort.

Bis zu einer goldnen Pforten
Du gelangst, da gehst du ein,
Denn das Irdische wird dorten
Himmlisch, unvergänglich sein.

Abend ward’s und wurde Morgen,
Nimmer, nimmer stand ich still;
Aber immer blieb’s verborgen,
Was ich suche, was ich will.

Berge lagen mir im Wege,
Ströme hemmten meinen Fuß,
Über Schlünde baut‘ ich Stege,
Brücken durch den wilden Fluß.

Und zu eines Stroms Gestaden
Kam ich, der nach Morgen floß;
Froh vertrauen seinem Faden,
Werf‘ ich mich in seinen Schooß.

Hin zu einem großen Meere
Trieb mich seiner Wellen Spiel;
Vor mir liegt’s in weiter Leere,
Näher bin ich nicht dem Ziel.

Ach, kein Steg will dahin führen,
Ach, der Himmel über mir
Will die Erde nicht berühren,
Und das Dort ist niemals hier!

 

Verbotene Liebe im Mittelalter. Der Briefverkehr zwischen Abaelard und Héloise

Das hohe Mittelalter ist die Zeit, in der Erotik erstmals zu einem kulturell anerkannten Diskurs gedeiht. Ein einmaliges Dokument ist in dieser Hinsicht der Briefverkehr zwischen dem Theologie-Dozenten Abaelard und der Nonne Héloise. 

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(c) wiki commons. Abbildung Abaelards und Héloises im Roman de la Rose

Dabei ist nicht nur die Klosteruniversität Paris ein interessantes Setting für die Geschichte einer verbotenen Liebe, sondern kriegt der Leser Einblick in das neurotische Wesen Abaelards. Narzissmus wechselt sich darin mit Verfolgungswahn, Demut, Gottesfurcht und unglaublich viel Dankbarkeit aus. Er ist einer der renommiertesten Philosophen, Theologen und Rhetoriker im Europa des 12. Jahrhunderts und in allen Schulen und Universitäten hoch angesehen. Seine dunkelste Seite findet sich zweifellos in der erfolgreichen Verführung Héloises, die zu dem Zeitpunkt eine noch unschuldige Nichte eines Klostervorstehers ist, in dessen Wohnung er ein Zimmer bezieht, um sich dem Mädchen zu nähern. Er unterrichtet sie im Gegenzug in allen universitären Fächern und nutzt die Privatsphäre für die Entladung seiner Sexualbegierde aus:

Ich mußte sehr staunen, wie groß seine [Héloises Onkel] Einfalt war, und ich war bei mir nicht weniger entsetzt als wenn er das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf anvertraute. Wenn er sie mir nicht bloß zur Ausbildung, sondern auch zur heftigen Züchtigung auslieferte: was tat er da anderes, als meinen Wünschen vollkommene Freiheit zu gewähren und mir Gelegenheit zu bieten, auch ich nicht wollte, sie, wenn ich es mit Schmeicheleien nicht vermochte, mit Drohungen und Schlägen um so leichter umzustimmen. ABer besonders zweierlei hielt schmählichen Verdacht fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und der bisherige Ruf meiner Enthaltsamkeit.“ aus: Petrus Abaelard: Der Briefwechsel mit Héloise. Reclam-Ausgabe, S. 15.

Jetzt wo mit 50 Shades of Grey auch der gewaltvolle Liebesakt im Hollywoodkino angekommen ist, wieso nicht auch ein solche das Liebesspiel des Klosterpaar verfilmen? Was anfangs noch nach Nötigung aussieht, wird später in den Briefen auf eine wechselseitige Praxis dargestellt.  Nach diesem leichten Sadomasochismus, folgt Voyeurismus, Lehrer-Schüler-Erotik und das poetische Nachahmen von literarischen Liebespaaren. Abaelards Wesen erschöpft sich in der Rolle des Lüstlings jedoch nicht. Nachdem das Verhältnis entdeckt wird, muss sich das Paar im Geheimen treffen und spielen ein Versteckspiel in den Klostermauern Paris‘. Nachdem Abaelard der nun schwangeren Héloise einen inoffiziellen Heiratsantrag macht, um an seiner Karriere als Theologie-Dozent festzuhalten, muss er sie in das Kloster Argenteuil schicken, um sie von der Wut ihres Onkels zu schützen. Doch dieser weiß seinen Zorn mehr als nur zu bändigen und bezahlt Kriminelle in Abaelards Gemächern einzubrechen und ihm die Kastrationsstrafe zu erteilen.

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(c) wiki commons. Abaelard Statue im Palais du Louvre.

Abaelards klagender Stil gewinnt ab diesem Abschnitt an pathetischer Dramatik. Ungewiss ist ab jetzt nicht nur seine Zukunft als akademischer Lehrer geworden, sondern Angesichts seiner Vergehen die Zukunft im Himmelreich, weshalb er in den vollwertigen Klosterdienst tritt. Im späteren Leben übernimmt er mehr und mehr Verantwortung, für Héloise, indem er ihre Existenz sicher, ihr bis zu seinem Lebens Ende Obhut und Klosterämter verschafft.

„In dieser elenden Verzweiflung trieb mich weniger ein Verlangen nach Bekehrung – ich gestehe es offen – als die Verlegenheit meiner Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloisa hatte schon vorher auf mein Geheiß bereitwillig den Schleier genommen und war ins Kloster gegangen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St-Denis, sie im Kloster von Argenteuil.“ S. 25.

Er streitet die zwischenmenschliche Liebe zwar auf ihre Anfrage ab, doch ist er an einem Lebenspunkt angekommen, in dem er sein Schicksal nach irdischer Enttäuschung und das Gefühl von gesellschaftlicher Ablehnung jeder Art nur noch religiös deutet und die alle irdischen Vorkommnisse als Strafen für seine Eitel- und Lustbarkeiten akzeptiert. Sein Ratschlag ist schließlich, dass auch Héloise ihre Liebeserwartung in keine irdische Person setzen solle, weil diese immer falsch, nichtig und sündig sein würde, sondern sich einzig und allein Christus widmen soll, dessen Liebe immer währt. So findet diese Achterbahn einer mittelalterlichen Geschichte trotzdem noch ihren Ausgang im typischen Eremitentum.

Das Vermächtnis dieser Geschichte, die sich in ganz Europa verbreitet hat, sieht man schließlich in mittelalterlicher Literatur. Im Tristan-Roman von Gottfried von Straßburg wird die Nachahmung des Liebeslebens literarischer Figuren wieder aufgegriffen, wie auch das Versteckspiel unter den Augen der Autorität. Schließlich ist es Jean-Jacque Rousseau im 18. Jahrhundert gewesen, der der Nonne im Brief-Roman Die Neue Héloise ein Denkmal setzt.

Thomas Mann- Die Geschichten Jaakobs, der mystische Mensch

Mit der Tetralogie von Thomas Mann „Joseph und seine Brüder“ begibt man sich auf eine Reise nach den Ursprüngen der Menschheit, der Religion und Kultur. Schnell wird klar, dass die Ursprünge unergründlich sind und keine Klarheit und Wahrheit jemals erfasst werden kann. Jedoch wird sehr gut nachvollziehbar und auf humorvolle Weise dargestellt, wie der mystische Mensch vor über 2000 Jahren in Ägypten gedacht haben könnte.

Ich bin noch beim Lesen des ersten Teils „Die Geschichten Jaakobs“ und komme ehrlich gesagt ziemlich langsam voran. Nicht weil es uninteressant ist oder zu öde, aber mir das Geschwafel von Überirdisch und Irdisch und die Verbindung von diesem und jedem manchmal zu anstrengend wird. Aber dennoch ist das Buch gerade deshalb sehr wertvoll, denn so haben sich die Leute damals nun einmal alles erklärt, und auch diese Gedankengänge sind unheimlich clever gewesen. Die Gedanken zur Welt, wie sie entstanden sei und wieso, welche Aufgabe der Mensch dabei spielt, wird in den ersten kurzen zehn Kapiteln erklärt. Und würde ich keine Alternativen Antwortmöglichkeiten kennen, würde ich bestimmt alles getrost ab nicken und zustimmen. Ich möchte hier nicht zu sehr ins Detail gehen, dabei würde ich nur Fehler machen und irgendetwas falsch wiedergeben. Aber Jaakob ist der typische mystische Mensch, er definiert sich mit den Geschichten seiner Vorfahren oder angeblichen Vorfahren. Abstammung ist ungemein wichtig und von Bedeutung, sowie dem richtigen Gott zu gehorchen. Edelmut, Bildung und Redegewandtheit ist ihm wichtig. Er lebt weiter durch die Bestimmungen, die ihm auferlegt werden und die Geschichten seiner Vorfahren werden zu seinen eigenen. Er ist nicht nur Jaakob, er empfindet sich teilweise als sein Vater oder sein Ururopa. Die Erfahrungen werden geteilt und so lebhaft wiedergegeben, dass Jaakob denken könnte, er wäre es selbst gewesen. Diese Denkweise, dass kein wirkliches Ichbewusstsein existiert, ist für mich total neu und super interessant. Dadurch bekommt der Mensch eine ganz andere Verbindung zu seiner Umwelt und wertet Dinge anders. Nicht nach unserem Moralverständnis wie Fairness oder Dergleichen, sondern nach der Richtigkeit der Weiterführung von Bahnen und Bestimmungen der Familie, des Ursprungs. Wobei diese meistens schon längst nicht mehr in der richtigen Reihenfolge wiedergegeben werden.

Die Geschichten haben aber auch für den modernen Menschen kluge zwischenmenschliche Beobachtungen, wenn es um Hierarchien oder Gruppenverhalten und Neid geht. Die Beschreibungen haben mich recht oft zum Schmunzeln gebracht, wenn man bedenkt, dass sich das Buch erstmal nach einem „trockenem Schmöker“  anhört    (was es natürlich nicht ist hehe, wenn man bisschen interessiert ist).

 

 

SFB-Donnerstag: Bücher außerhalb meiner Reichweite

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(c) wiki commons

Nachdem ich am Montag von mir selbst behauptet habe, einen flexiblen Literaturgeschmack zu besitzen, muss ich mich zur heutigen, wirklich gut gestellten Frage von LAH etwas kritisch beleuchten. Welche Themen bringen mich dazu das Buch wegzulegen oder generell nicht anzufassen? Wofür kann ich mich einfach nicht begeistern? Offen für alles bin ich jedenfalls bestimmt nicht. Ich mag es von meiner Lektüre herausgefordert zu werden. Wenn ich meinen Kopf nicht dazu bringen kann, das Buch als geistiges Rätsel zu betrachten, dann hab ich meistens daran einfach keine Interesse.

Viel problematischer als das ist aber mein Hang zu Klassikern. Von Klassikern weiß ich, dass sie in irgendeiner Hinsicht interessant sind. Beim Lesen kann ich mich dann fragen, was genau es ist, was sie zu Klassikern gemacht hat. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass alles was kein Klassiker ist im ersten Moment auf Skepsis meinerseits stößt. Wenn darüber hinaus ich über keine Kritiker- oder Bekanntenmeinungen weiß, die mich irgendwie das Buch schmackhaft machen können, würde ich es nur in den seltensten Fällen anfangen.

Aus diesem Grund habe ich wohl nie ein Buch eines afrikanischen Autors gelesen. In den Medien, über die ich mich so informiere, wird ja leider nie über afrikanische Literatur berichtet. Und selbst wenn, würde ich wahrscheinlich häufiger meine persönliche „Unbedingt-vor-dem-Tod-lesen-Liste“ abarbeiten, als den für mich noch völlig unbekannten literarischen Kontinent zu erkunden. Das ist ziemlich tragisch, weil ja grade an meinem Anspruch, meinen geistigen Horizont beim Lesen zu erweitern und etwas Fremdes zu erfahren, von afrikanische Literatur in vollster Weise entsprochen werden würde.

Zur Montagsfrage: Was ist die perfekte Lektüre?

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(c) wiki commons. Helen Stratton – Illustration zu einem Hans Christian Andersens Märchen

Früher konnte ich ausgefallene Literatur nie verstehen. Irgendwie hatsie mich nie betroffen. Das Schicksal anderer Menschen war mir egal, wenn ich mich nicht selbst in ihnen wiederfinden konnte. Also war mein Geschmack ziemlich einseitig: Murakami, Kafka, Comics, Heldengeschichten.. Ich wollte von Menschen lesen, die irgendeine Seite meines Charakters bedienen und war enttäuscht, wenn das nirgends zu finden war. Dann kam mein Germanistik-Studium und ich wurde mit viel mehr Literatur konfrontiert, bei denen die Figuren nicht so sind wie ich. Das hieß aber auch, dass in dieser Umbruchphase lesen nicht immer Spaß gemacht hat, sondern ziemlich anstrengen und mühsam war.

Heutzutage bin ich aber glücklich mit meiner weitaus flexibleren Lesegewohnheit, auch wenn sie noch um ein einiges flexibler sein sollte. Von Literatur erwarte ich heutzutage, dass sie nur noch bis zu einem bestimmten Grad so sind wie ich, um mich aus meiner Alltagswelt abzuholen, Aufmerksamkeit zu erregen und empfänglich zu machen, und danach ganz unterschiedlich zu mir sind, um mir etwas faszinierendes Anderes zu zeigen und mich an Orte führen, auf die ich selbst nie kommen würde. Wenn diese Orte dann auch noch so sehr betreffen, dass man sich gezwungen fühlt sich selbst überdenkt, dann ist für mich die perfekte Lektüre erreicht, die erst im Kopf des Lesers wirklich beginnt.

 

Die Goethe/Schiller-Verfilmungen der letzten Jahre. Kabale und Liebe, Goethe! und Die geliebten Schwestern

Alle Jahre wieder schleichen sich deutsche Filmproduktionen in die hiesige Kino- und TV-Landschaft und verfilmen Stoffe aus dem Umfeld der beiden Klassiker. Natürlich sind die Ergebnisse changierend. Manchmal wird mit dem Stoff wirklich nicht mehr als hohe Kultur geheuchelt, manchmal ließ Massentauglichkeit die Filme scheitern aber manchmal bescherten sie uns mit durchaus wertvollen Szenen. Ich finde man sollte sich das Thema nicht schwerer machen, als es ist. Wer Klassiker verfilmt, sollte sie nicht auf einen Podest im Pantheon stellen, damit die Goethe- und Schillerbüsten nicht noch finster dreinschauen. Wichtig ist, zu aller erst einmal, dass sie überhaupt erstmal als Filme funktionieren und nicht als verfilmte Literatur. Die ist nämlich meistens erschreckend langweilig und nur für Achtklässler geeignet, die ein Hörspiel mit Bildern suchen. Wenn sie es aber schaffen nun über 200 Jahre alte Stoffe wie auch immer vermitteln können, sollte man sich für den alternativen Zugriff glücklich schätzen.Aber genug gelabert, kommen wir zu den Filmen:

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(c) ZDF – Petro Domenigg

Leander Haußmann gilt als renommierter Theaterregisseur, der seine Stärke vor allem in peppigen Inszenierungen ausspielen kann. Seine Verfilmung von Kabale und Liebe 2005 setzt auf die originalen Dialoge und auf historische Kostümierung und Kulisse. Die Optik des Films ist durchaus ansehnlich, die Schauspieler überzeugen alle samt und auch über das Weichspülpulver ist in den Liebesszenen von Ferdinand und Luise kann man hinwegsehen. Aber letztlich scheitert der Film doch daran ausschließlich für das bildungsbürgerliche Publikum mit Sitzfleisch gemacht zu sein. Der Film reißt nicht mit und haut nicht vom Hocker, grade weil er den einfachen Weg einer historischen Inszenierung wählt und dabei nicht herausragend ist. Die zwei Grunde, für das sich die Sicht aber trotzdem lohnen kann sind August Diehl und die Verse Schillers, die zwar nicht ganz lebendig aber deren Stärke doch manchmal durchschimmern. Wer interessiert ist, guckt einfach das Ende, den besten Teil des Films.

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(c) Warner Bros

Goethe! macht es nun anders. Historische Kostümierung aber moderne Dialoge. Als Kinofilm aus dem Jahr 2010 zwar jugendlicher aber mindestens genauso bieder wie Kabale und Liebe. Das Goethe-Bild vom romantischen, sentimentalen Jüngling wird durchgehalten, erst zum Ende rührt er die Feder an und verfasst den Werther-Roman. Alexander Fehling als Goethe und Miriam Stein als Lotte machen eine wirklich gute Figur, die Optik ist wirklich durchdacht und liefert schöne Bilder, die man sich gerne mal als Desktophintergründe einstellen kann, nur ist der Inhalt über alle Maßen vermainstreamed, was die typischen Vor- aber vor allem auch Nachteile bietet.

Mit der neusten Produktion Die geliebten Schwestern von 2014 ist Dominik Graf der mit Abstand beste Film über Schiller gelungen. Er handelt über die menage á trois des Dichters mit den Geschwistern Lengefeld und bietet dabei eine glaubhafte Einführung in Schillers klassisches Denken. Zwar kreist der Film dann zu sehr um Bettgeschichten, doch selbst in denen werden verschiedene Typen der emanzipierten Frau des Bürgertums um 1800 dargestellt. Dabei gibt sich der Film aber nicht unnötig schnöselig oder verkünstelt und darin liegt seine große Stärke. Das Freiheitsideal der Klassik könnten viel aufbrausender vermittelt werden, doch wählt Dominik Graf sie vielmehr durch den Rückbezug auf die tragischen Biografien in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Befreiung der Lebensstile kommt nicht aus Schillers Ansporn, seine Rolle ist eine ausgesprochen passive, doch bildet er stets den Fixpunkt der weiblichen Verwandlungen. Das kommt zum großen Preis des Wohlstands und der stabilen Identitätsbilder oder, wie die Extremszene der Charlotte von Kalb (Anne Schäfer) zeigt, mit dem totalen Selbstverlust.

11 Gegensätze: Ein dickes und ein dünnes Buch

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Elizzy91 hat in ihrer heutigen Challenge wieder mal den Blick ins Bücherregal provoziert. Sie hat sich wirklich zwei interessante Beispiele ausgesucht und zufällig hat Zehn Wahrheiten von Mirana July ein wirkliches ähnliches Konzept wie meine Bücher, die aus kurzen Wahrheiten bestehen, selbst wenn man diese nicht sofort versteht oder es sich vielleicht schon um abgelaufene Wahrheiten handelt.

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Das flache Buch ist eine der schönsten Gedichtzyklen, die es so gibt. Sonette an Orpheus in einer schlichten und übersichtlichen Ausgabe verlegt vom Insel-Verlag. Mit den magischen Versen kann man den ganzen Tag lang mit Lesen verbringen und beim Interpretieren fühlt man sich immer wieder wie bei einem Rätselspiel. Doch die Verse müssen nicht einmal verstanden, um genossen zu werden, so musikalisch sind sie geschrieben. Purer Sprachzauber.

Die Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer ist eine mittelalterliche Kurzgeschichtensammlung, bei der sich  24 Pilger aus den verschiedensten gesellschaftlichen Zusammenhängen gegenseitig ziemlich derbe Erzählungen darbieten. Dabei entsteht ein lustig-buntes Panorama von spätmittelalterlichen Vorstellungen, was mit so viel Ironie und Scherz gezeichnet ist, dass es immer wieder die Mittelalterklischees unterläuft. Meine Lieblingsgeschichte ist die Erzählung die vom Ablaßkrämer, wo drei Freunde ihren vierten verstorbenen Kumpanen bedauern und ausziehen um den Tod zu töten.