„Will there really be a ‚Morning‘?“ Die Fragen von Emily Dickinson’s Pilger.

Durch Zufall bin ich auf ein Gedicht gestoßen, welches Schillers Pilgrim ziemlich ähnelt. Das Ich des Gedichts von Emily Dickinsons Will there really be a „Morning“ ist so viel naiver als das verlorene Ich von Schiller, der nach jahrelanger Wanderschaft die Leere der Welt erblickt, doch das macht Dickinsons Gedicht so fabelhaft. In kurzen regelmäßigen Strophen, die nur aus Fragesentenzen bestehen, zweifelt der Pilgrim nach dem Licht der Welt. In scheinbar absurden Fragen, ob der ‚Morning‘ eher Pflanze (V. 5) oder Tier (V. 6) ist, kann das wandernde Dasein in einer Welt, dessen Tagesablauf nur die Nacht kennt, auf keine Antwort, nicht mal auf eine Vorstellung kommen, was es eigentlich sucht. Denn der Tag nach dem es sucht, ist das Gegenteil der Nacht, in dessen dauerhaften Zustand es gefangen ist, so ist die Idee des Morgens der Ausgang aus seiner eigenen Welt. Das Frage-Schema wird durchbrochen, um in der letzten Strophe Autoritäten zur vergeblichen Hilfe anzurufen: Die ‚Scholars‘ stehen für das vermeintlich sichere Wissen der ‚Sailor‘ steht für die Erforschung für die unerreichbaren Teile der Welt und die ‚Wise Men from the skies‘ sind letztlich die Bitte nach einer geringsten Vorstellung einer Transzendenz. ‚The Place called morning‘ rückt schließlich Zeit und Ort zusammen und ist die Ahnung einer außerweltlichen, unnahbaren und unvorstellbaren Utopie.

„Will there really be a „Morning“?
Is there such a thing as „Day“?
Could I see it from the mountains
If I were as tall as they?

Has it feet like Water lilies?
Has it feathers like a Bird?
Is it brought from famous countries
Of which I have never heard?

Oh some Scholar! Oh some Sailor!
Oh some Wise Men from the skies!
Please to tell a little Pilgrim
Where the place called „Morning“ lies!“

Emily Dickinson

Ich zitiere… „Ich sitze und lese einen Dichter“ aus Malte Laurids Brigge von R. M. Rilke

In ‚Ich zitiere…‘ sammeln wir in regelmäßigen Abständen Zitate, denen wir begegnen und festhalten wollen. Ein Lesetagebuch als Zitatsammlung.

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(c) wiki commons: R. M. Rilke von Leonid Pasternak

Aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke:
„Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen. Ach, wie gut ist es doch, unter lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hingehen zu einem und ihn leise anrühren: er fühlt nichts. Und stößt du einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden. Wie wohl das tut. Und ich sitze und habe einen Dichter. Was für ein Schicksal. Es sind jetzt vielleicht dreihundert Leute im Saale, die lesen; aber es ist unmöglich, daß sie jeder einzelne einen Dichter haben. (Weiß Gott, was sie haben.) Dreihundert Dichter gibt es nicht. Aber sieh nur, was für ein Schicksal, ich, vielleicht der armseligste von diesen Lesenden, ein Ausländer: ich habe einen Dichter. Obwohl ich arm bin. Obwohl mein Anzug, den ich täglich trage, anfängt, gewisse Stellen zu bekommen, obwohl gegen meine Schuhe sich das und jenes einwenden ließe.“

Der in Paris vereinsamte Malte flieht sich in seiner Freizeit in die Dichtung Verlaines und findet in ihm das Liebste, was ihm in seiner schweren Zeit geboten wird. Das Zitat vermittelt ziemlich gut das intime Verhältnis, dass beim Lesen aufgebaut wird. Niemand sonst, nur das Ich allein darf über in eine Beziehung zum Dichter treten, sonst ist dieses exklusive Gefühl verletzt. Malte hat keine andere Form von Intimität, kann sich deshalb nicht eingestehen, dass Verlaine von allen gelesen wird, und die 300 andere Leser ein ebenso intimes Verhältnis zu ihren Dichtern haben.

‚Von den Sternen kommen wir, zu den Sternen gehen wir. Das Leben ist nur eine Reise in die Fremde.‘ -Walter Moers

feaFrüher habe ich ziemlich oft Zitate wie diese als romantische Plappereien abgetan, die irgend so ein Schriftsteller verfasst hat, um sich ein Mysterium aufzubauen, über das man möglichst Nachdenken aber nicht Durchschauen sollte. Ziemlich oft habe ich in meiner Einstellung damals Literatur nicht ernst genommen. Dabei sind grade diese zwei Zeilen so tiefsinnig und vielschichtig, unabhängig von Walter Moers Intention beim Setzen der Wörter in der Stadt der träumenden Bücher, sondern wegen ihrer Lebensweisheit, die sie so einfach ausspricht, als würde sie nicht mal eine sein.

‚Das Leben ist nur eine Reise in die Fremde‘, ist ein vielleicht etwas generischer Aphorismus, der aber deswegen generisch wirkt, weil seine drei Schlagwörter ziemlich oft gebrauchte Wörter der Poesie sind. Leben, Reisen, Fremde. Wieso ist das Leben eine Reise und wieso führt sie in die Fremde? Die Antwort zu dieser Frage ist für mich das Bild des modernen Lesers.

Schon Frodo, der kleine Hobbit aus dem Auenland, führt es uns vor. Nur durch seine Reise in die Fremde erfährt er von den Gräueln und Wundern seiner Welt. Grade weil er seinem bequemen Wesen trotzt und sich für das Abenteuer entscheidet, sieht er, dass nicht alles im Leben Gartenarbeit und Stubenhocken ist.

Der Mensch ist in einer ziemlich ähnlichen Situation. Wir sind alle auf die Welt gekommen und an Sachen geschnürt, von denen wir uns mal leichter mal schwerer lösen können. Den Anspruch zu haben sich von all diesen Sachen zu entledigen, kann nicht gut gehen, weswegen man zum Buch greifen muss. In der Literatur erfährt man von anderen Welten. Sie sind die Stationen der Sternreise des Lesers. Jeder dieser Sterne ist anders, aber grade in dieser Fremdheit erscheinen sie als zu bewältigende Reise. Der Nachteil an der Sache ist – Lesen lässt in den aller meisten Fällen nur allein. So ist die Reise des Lesers eine ziemlich einsame Tätigkeit. Aber grade das beweist ihren Wert.

Wir leben zwar alle in Gesellschaften und in sozialen Geflechten, doch ist die Lektion des Lesens, dass sich nur durch die einsame Reise das Leben entfaltet. Lebensöffnung und Horizonterweiterung sind nicht einfach zu erreichen, von daher ist die Reise auch noch beschwerlich – von Stern zu Stern kommt man halt nicht einfach. Sie fordern Denkprozesse und Offenheit, einen Leser, der sich ergreifen lässt und ergreift, und die Akzeptanz für das Andere, wie immer das auch aussehen mag.

Literatur lesen heißt sich auf eine Fremde einzulassen, die es in Wirklichkeit gar nicht mal gibt. Man kann den Tag ruhig mit dem Bekannten verbringen, doch ist seine Stagnation und seine Starre beängstigend. Das Leben im Immergleichen stumpft nicht nur gegen Unbekanntes ab, sondern zeigt auch noch auf, wie schlimm die Langeweile ist. Niemand will der Hobbit sein, der zuhause bleibt.