Gedanken zu Jaakobs Geschichten

Am vergangenen Donnerstag habe ich die Ausstellungseröffnung GOLEM im jüdischen Museum Berlin besucht und wie sich herausstellte, hat mir die alte jüdische Legende des Golems weiter geholfen, dass Buch von Thomas Mann „Joseph und seine Brüder“, an dem ich mich seit Ewigkeiten abkaue, viel besser zu verstehen. Vielleicht, da mir der Sinn für das Übersinnliche und Naturverbundene noch fehlt. Aber das soll sich im Alter ja ändern. Ab vierzig bin ich bereit für die Waldeinsamkeit.

Der Golem ist eine literarische und mystische Figur aus der jüdischen Legende. Ein Golem wird durch Menschen geschaffen, nach strengen Vorschriften, Ritualen und hebräischen Buchstaben wird aus unbelebter Materie Leben. Wenn eine jüdische Gemeinde in Gefahr gerät, erschafft der Rabbi einen Golem zum Schutz der Gemeinschaft. Er soll vor Leid und Unheil schützen. Jedoch wendet sich das erschaffene Wesen nach dem Erwachen meist gegen die Gemeinde und wird selbst zur Gefahr.

Hinter diesen Geschichten verbirgt sich etwas Grundlegendes und zugleich Weitreichendes. Der Mensch, nach religiöser Auffassung das Abbild Gottes, möchte schaffen und erschaffen. In vielen anderen Geschichten wie beispielsweise Frankenstein, wird der Gedanke aufgegriffen. Auch wenn manche Menschen die intellektuellen Fähigkeiten für großartige Erfindungen haben, können sie die Auswirkungen jener nicht einschätzen. Ideen wie politische, religiöse Bewegungen oder technische Fortschritte sind schon oft aus dem Ruder gelaufen und bestimmt nicht im Sinne des Erschaffers geendet oder ausgewuchert. Und genau darum geht es, wenn man etwas in die Welt setzt, eine Idee, Ideologie oder das erste Smartphone, sind die Auswirkungen unheimlich schwer zu kalkulieren. Und in dem Moment, wenn der intelligente Schöpfer die Schöpfung zum Leben erweckt, verliert er die Kontrolle über sie.

Hinter all dem steckt aber auch einfach der geheime Wunsch, etwas Höheres, Größeres, Gottähnliches darzustellen. Egal ob bewusst oder unbewusst, die Faszination vom Schöpfen oder der Magie, der Zauberei steckt wahrscheinlich in jedem von uns.

Ein kleiner side-fact am Rande (doppelgemoppelt hehe) hat sich eine israelische IT Firma Golem genannt, ausgesprochen weise. Denn auch sie können die Auswirkungen ihres Schaffens nicht vorherbestimmen oder beeinflussen.

Nun aber endlich zu dem Buch Joseph und seine Brüder und besonders zu den Geschichten Jaakobs. Wie ich bereits erwähnt habe, konnte ich mit manchen Stellen nicht viel anfangen, wenn es ums Irdische und Überirdische und die Verschmelzung von beidem ging und die tiefe Empfindsamkeit die Jaakob dabei fühlte. Es war die Nähe zu Gott, die ihn so erfüllte, aber nicht nur die emotionale Nähe die er dabei empfand, sondern auch die Kraft die durch ihn selbst floss und ihn wissen ließ, dass er selbst etwas erschaffen kann. Das  wird in den letzten Kapiteln deutlich, in denen er durch seine Segnung göttliche Eigenschaften erlangt. Er fördert die Fruchtbarkeit von Land, Tier und Gemeinde und findet eine Wasserstelle, die den Menschen Sicherheit gibt. Also, was ich als überirdisches Geschwafel abschrieb, war wohl eher die Sehnsucht nach dem Göttlichen.

Ich bewerte das Buch nach dem Museumsbesuch anders, da ich besser nachvollziehen kann, welcher Grundgedanke dahinter steht und es mir dadurch ironischer Weise menschlicher vorkommt.

„Will there really be a ‚Morning‘?“ Die Fragen von Emily Dickinson’s Pilger.

Durch Zufall bin ich auf ein Gedicht gestoßen, welches Schillers Pilgrim ziemlich ähnelt. Das Ich des Gedichts von Emily Dickinsons Will there really be a „Morning“ ist so viel naiver als das verlorene Ich von Schiller, der nach jahrelanger Wanderschaft die Leere der Welt erblickt, doch das macht Dickinsons Gedicht so fabelhaft. In kurzen regelmäßigen Strophen, die nur aus Fragesentenzen bestehen, zweifelt der Pilgrim nach dem Licht der Welt. In scheinbar absurden Fragen, ob der ‚Morning‘ eher Pflanze (V. 5) oder Tier (V. 6) ist, kann das wandernde Dasein in einer Welt, dessen Tagesablauf nur die Nacht kennt, auf keine Antwort, nicht mal auf eine Vorstellung kommen, was es eigentlich sucht. Denn der Tag nach dem es sucht, ist das Gegenteil der Nacht, in dessen dauerhaften Zustand es gefangen ist, so ist die Idee des Morgens der Ausgang aus seiner eigenen Welt. Das Frage-Schema wird durchbrochen, um in der letzten Strophe Autoritäten zur vergeblichen Hilfe anzurufen: Die ‚Scholars‘ stehen für das vermeintlich sichere Wissen der ‚Sailor‘ steht für die Erforschung für die unerreichbaren Teile der Welt und die ‚Wise Men from the skies‘ sind letztlich die Bitte nach einer geringsten Vorstellung einer Transzendenz. ‚The Place called morning‘ rückt schließlich Zeit und Ort zusammen und ist die Ahnung einer außerweltlichen, unnahbaren und unvorstellbaren Utopie.

„Will there really be a „Morning“?
Is there such a thing as „Day“?
Could I see it from the mountains
If I were as tall as they?

Has it feet like Water lilies?
Has it feathers like a Bird?
Is it brought from famous countries
Of which I have never heard?

Oh some Scholar! Oh some Sailor!
Oh some Wise Men from the skies!
Please to tell a little Pilgrim
Where the place called „Morning“ lies!“

Emily Dickinson

Zur Montagsfrage: Was ist die perfekte Lektüre?

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(c) wiki commons. Helen Stratton – Illustration zu einem Hans Christian Andersens Märchen

Früher konnte ich ausgefallene Literatur nie verstehen. Irgendwie hatsie mich nie betroffen. Das Schicksal anderer Menschen war mir egal, wenn ich mich nicht selbst in ihnen wiederfinden konnte. Also war mein Geschmack ziemlich einseitig: Murakami, Kafka, Comics, Heldengeschichten.. Ich wollte von Menschen lesen, die irgendeine Seite meines Charakters bedienen und war enttäuscht, wenn das nirgends zu finden war. Dann kam mein Germanistik-Studium und ich wurde mit viel mehr Literatur konfrontiert, bei denen die Figuren nicht so sind wie ich. Das hieß aber auch, dass in dieser Umbruchphase lesen nicht immer Spaß gemacht hat, sondern ziemlich anstrengen und mühsam war.

Heutzutage bin ich aber glücklich mit meiner weitaus flexibleren Lesegewohnheit, auch wenn sie noch um ein einiges flexibler sein sollte. Von Literatur erwarte ich heutzutage, dass sie nur noch bis zu einem bestimmten Grad so sind wie ich, um mich aus meiner Alltagswelt abzuholen, Aufmerksamkeit zu erregen und empfänglich zu machen, und danach ganz unterschiedlich zu mir sind, um mir etwas faszinierendes Anderes zu zeigen und mich an Orte führen, auf die ich selbst nie kommen würde. Wenn diese Orte dann auch noch so sehr betreffen, dass man sich gezwungen fühlt sich selbst überdenkt, dann ist für mich die perfekte Lektüre erreicht, die erst im Kopf des Lesers wirklich beginnt.

 

‚Von den Sternen kommen wir, zu den Sternen gehen wir. Das Leben ist nur eine Reise in die Fremde.‘ -Walter Moers

feaFrüher habe ich ziemlich oft Zitate wie diese als romantische Plappereien abgetan, die irgend so ein Schriftsteller verfasst hat, um sich ein Mysterium aufzubauen, über das man möglichst Nachdenken aber nicht Durchschauen sollte. Ziemlich oft habe ich in meiner Einstellung damals Literatur nicht ernst genommen. Dabei sind grade diese zwei Zeilen so tiefsinnig und vielschichtig, unabhängig von Walter Moers Intention beim Setzen der Wörter in der Stadt der träumenden Bücher, sondern wegen ihrer Lebensweisheit, die sie so einfach ausspricht, als würde sie nicht mal eine sein.

‚Das Leben ist nur eine Reise in die Fremde‘, ist ein vielleicht etwas generischer Aphorismus, der aber deswegen generisch wirkt, weil seine drei Schlagwörter ziemlich oft gebrauchte Wörter der Poesie sind. Leben, Reisen, Fremde. Wieso ist das Leben eine Reise und wieso führt sie in die Fremde? Die Antwort zu dieser Frage ist für mich das Bild des modernen Lesers.

Schon Frodo, der kleine Hobbit aus dem Auenland, führt es uns vor. Nur durch seine Reise in die Fremde erfährt er von den Gräueln und Wundern seiner Welt. Grade weil er seinem bequemen Wesen trotzt und sich für das Abenteuer entscheidet, sieht er, dass nicht alles im Leben Gartenarbeit und Stubenhocken ist.

Der Mensch ist in einer ziemlich ähnlichen Situation. Wir sind alle auf die Welt gekommen und an Sachen geschnürt, von denen wir uns mal leichter mal schwerer lösen können. Den Anspruch zu haben sich von all diesen Sachen zu entledigen, kann nicht gut gehen, weswegen man zum Buch greifen muss. In der Literatur erfährt man von anderen Welten. Sie sind die Stationen der Sternreise des Lesers. Jeder dieser Sterne ist anders, aber grade in dieser Fremdheit erscheinen sie als zu bewältigende Reise. Der Nachteil an der Sache ist – Lesen lässt in den aller meisten Fällen nur allein. So ist die Reise des Lesers eine ziemlich einsame Tätigkeit. Aber grade das beweist ihren Wert.

Wir leben zwar alle in Gesellschaften und in sozialen Geflechten, doch ist die Lektion des Lesens, dass sich nur durch die einsame Reise das Leben entfaltet. Lebensöffnung und Horizonterweiterung sind nicht einfach zu erreichen, von daher ist die Reise auch noch beschwerlich – von Stern zu Stern kommt man halt nicht einfach. Sie fordern Denkprozesse und Offenheit, einen Leser, der sich ergreifen lässt und ergreift, und die Akzeptanz für das Andere, wie immer das auch aussehen mag.

Literatur lesen heißt sich auf eine Fremde einzulassen, die es in Wirklichkeit gar nicht mal gibt. Man kann den Tag ruhig mit dem Bekannten verbringen, doch ist seine Stagnation und seine Starre beängstigend. Das Leben im Immergleichen stumpft nicht nur gegen Unbekanntes ab, sondern zeigt auch noch auf, wie schlimm die Langeweile ist. Niemand will der Hobbit sein, der zuhause bleibt.