Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“ ist eine Reise durch das Bewusstsein und der Erinnerungen.  Er reist durch seine Vergangenheit, trifft nochmals die Menschen die ihn begleitet haben. Die Geschichten, die er erlebt hat werden aufgerufen, nochmals erlebt und neu bewertet. Seine  Gedanken kreisen um seine Kindheit, die unabdingbare Liebe zu seiner Mutter und den auf dem Land verbrachten Ferien seiner Jugend. Er ist verträumt, macht lange Sparziergänge und lässt sich durch fast schon neoromantische Gedankengänge in das große Gefüge der Welt eingliedern. Durch freie, assoziative Gedankengänge reist er durch sein Leben. Wie das Licht auf bestimmte Blumen fällt, die Farben, die er sieht, all dies versetzt ihn in einen Zustand des Glücks, des  Lebendig Seins. Und dennoch befindet er sich immer nur an der Pforte zum Paradies, immer in einem Sehnsuchtszustand, dem Innehalten vor dem Erreichen des Ziels. Wünsche, Wahrheit und Fiktion werden eins.  Das Leben im Kopf, in der inneren Welt erscheint als seine größte Begabung und zugleich als sein Hindernis.

Das schöne Bauernmädchen soll in seine arme springen, das Mädchen, das er liebt ihn empfangen. Er träumt davon im wachen, sieht es, wartet auf sie in seinen Wanderungen, hofft auf die erscheinende Silhouette im Laubwald. Plötzlich wird er wütend, denn er weiß, dass, währenddessen er steht und wartet, sie nicht kommen wird. Dass er allein im Wald steht. Er ist wütend, von seinen Gedanken und seiner Vorstellungskraft getäuscht zu sein. Die Illusion ist solange hilfreich, bis sie auffliegt. Doch die Illusion ist auch das Einzige, was ihn nährt. Immer wieder hat er das Moment der Enttäuschung, wieder mit sich allein und den Ängsten und Zweifeln. Jedoch schnell wieder kaschiert und abgedeckt mit der Fiktion und Erinnerung und dem Träumen von Wünschen und erfüllten Sehnsüchten, die ihn erleben lassen, was er denkt. Er erlebt, was er denkt.

Nach und nach klärt sich auch das geschaffene Bild seiner Mitmenschen. Aus den kindlich optimierten Erinnerungen, aus der puren Existenz der Menschen formt sich mit zunehmendem Alter des Erzählers die Essenz. Die Personen werden immer komplexer und vielschichtiger. Auch hier gibt es Momente der Enttäuschung. Jedoch wabert um die meisten Personen ein Mysterium, es kann nie ganz erfasst werden, wer sie sind und weshalb sie was machen.

Marcel Proust der Träumer.

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Was weiß Dean Moriarty über das Leben? Über den Protagonisten von Kerouacs ‚On the Road‘.

Was weiß Dean Moriarty über das Leben?

Dass es scheiße ist: voller übler Dinge, wie Verrat, Betrug, Muße, Langeweile, Unfairness, sozialer Ungleichheit oder Respektlosigkeit, und er selbst schon von früh an Teil davon. Aufgewachsen als Kleinkrimineller, der ein Drittel seines Lebens am Billardtisch, das andere im Knast, doch das letzte in der öffentlichen Bibliothek verbracht hat, geht sein Lebensvollzug immer schon mit einem nur nachträglichen Denken darüber einher. Er verkörpert dabei die unhaltbare Energie einer Flut, die auf die Klippen des Lebens prescht. Gesegnet mit genug Charisma, um sich in jeder Situation Freunde und Affären zu verschaffen, doch verflucht durch die Eigenschaft nicht still halten zu können, sich nicht in geflogene Verhältnisse einzugliedern und seiner großen Liebe deswegen zu entsagen, weil er das Leben mehr liebt als sie, treibt er durch Spontaneität und Intuition von Ereignis zu Ereignis, ohne sich aber zu sehr in der Sinnlichkeit zu verlieren. Es gilt für ihn nicht seine Triebe bis aufs Letzte zu strapazieren, sondern den Lebensstrom so sehr wie irgend möglich an sich zu reißen.

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