Was weiß Dean Moriarty über das Leben? Über den Protagonisten von Kerouacs ‚On the Road‘.

Was weiß Dean Moriarty über das Leben?

Dass es scheiße ist: voller übler Dinge, wie Verrat, Betrug, Muße, Langeweile, Unfairness, sozialer Ungleichheit oder Respektlosigkeit, und er selbst schon von früh an Teil davon. Aufgewachsen als Kleinkrimineller, der ein Drittel seines Lebens am Billardtisch, das andere im Knast, doch das letzte in der öffentlichen Bibliothek verbracht hat, geht sein Lebensvollzug immer schon mit einem nur nachträglichen Denken darüber einher. Er verkörpert dabei die unhaltbare Energie einer Flut, die auf die Klippen des Lebens prescht. Gesegnet mit genug Charisma, um sich in jeder Situation Freunde und Affären zu verschaffen, doch verflucht durch die Eigenschaft nicht still halten zu können, sich nicht in geflogene Verhältnisse einzugliedern und seiner großen Liebe deswegen zu entsagen, weil er das Leben mehr liebt als sie, treibt er durch Spontaneität und Intuition von Ereignis zu Ereignis, ohne sich aber zu sehr in der Sinnlichkeit zu verlieren. Es gilt für ihn nicht seine Triebe bis aufs Letzte zu strapazieren, sondern den Lebensstrom so sehr wie irgend möglich an sich zu reißen.

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Die zwei Statuen der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen

Von der kleinen Meerjungfrau, der Märchenfigur von Hans Christian Andersen, stehen zwei unterschiedliche Bronzefiguren in Kopenhagen.

Die eine ist von Edvard Eriksen im Jahr 1913 gemeißelt worden, gilt als das Wahrzeichen der dänischen Hauptstadt und zeigt die nachdenkliche Meerjungfrau zierlich auf einem Felsen sitzen. Ihre Beine gehen in eine Flosse über, doch ist sie von der Vorderseite nicht im Geringsten als Halbwesen erkennbar. Man betrachtet sie von vorn und sieht somit dem Fantasiefigur gegenübergestellt. Andersen erzählt, dass Meerjungfrauen nach dreihundert Jahren Lebenszeit in den Schaum des Meeres verwandelt werden. Die kleine Meerjungfrau will sich dem widersetzen, träumt von einem menschlichen Leben an der Seite eines schönen Prinzen und beneidet die ewigen Menschenseele, die nach dem Tod in das Himmelreich hinaufsteigt. So verkörpert der Blick der Meerjungfrau Eriksens auch den Blick in den Betrachter hinein, wo sie die unsterbliche Seele vermutet, von der sie so fasziniert ist.

Die zweite Statue steht am Ufer der Kopenhagener Königlichen Bibliothek und ist von Anne Marie Carl-Nielsen aus dem Jahr 1921. Die Figur durchzieht eine angespannte, expressionistische Schock-Geste und verkörpert durch ihre starke Flosse und großen Augen deutlichere tierische Merkmale. Vielleicht wird der Zustand des ersten Emporkommens aus dem Wasser dargestellt, bei der die Meerjungfrau das erste Mal die Menschenwelt sieht, von der sie sich so viel erzählt hat. Der Blick in die Welt außerhalb hat neben der Schau der Wunder gleichzeitig das zutiefst Negative in sich. Sie sieht aus, als könne sie keine Luft atmen und als würde sie erdrückt werden von Erscheinung der Außenwelt. Platziert ist sie in Richtung Betrachter und Bibliothek, sodass sie gleich wieder den Rückzug in den Fluss anzutreten scheint. Die Meerjungfrau aus Andersens Märchen erfreut sich an den Kirchtürmen, Bauernhöfen und Prinzen der Menschenwelt. Diese kommt an Land, findet nichts dergleichen vor, stattdessen nur die modern zivilisierte Welt und wünscht sich im selben Moment zurück in ihre Märchenwelt.

Die Kahlheit der Welt. Eichendorffs ‚Auf einer Burg‘.

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von: Projekt Gutenberg

Eichendorff skizziert in Auf einer Burg in wenigen Worten die wohl schönste Szene von Naturkargheit. Oben steht der versteinerte Ritter, über seine Rheinlandschaft blickend, in der sich die Kahlheit der Burg fortsetzt. Die Welt ist still und friedlich, selbst die Vögel des Frühlings haben sich in die Fenster gesetzt und singen jeder für sich ihre Lieder ganz allein. Der Ritter selbst hat sich der Weltbetrachtung verschrieben und scheidet in ruhigster Kontemplation von der Welt, wird bedeckt von der Natur, um in ihr zu sterben und zu ihr zu werden. Das Refugium der Burg ist das zu verteidigende Idealeiner vorzeitlichen asketischen Weltverbundenheit, in der ihre Totalität noch erahnt werden kann. In der vierten Strophe aber wird von der Menschenwelt berichtet – der Regen wird zum Sonnenschein, die stillen Töne weichen der munteren Musik. In der Hochzeit aber, die vermeintlich glücklichste Zeit zweier Liebenden aber auch der Eintritt in das eigene bürgerliche Leben, erfährt die Braut einen melancholischen Wahrheitsmoment: Tränen, die fließen, weil das utopische Bild eines vorzeitlichen Weltgefühls vor langer Zeit verloren und nicht mit dem zeitgenössischen Menschen in Einklang gebracht werden kann.

„Will there really be a ‚Morning‘?“ Die Fragen von Emily Dickinson’s Pilger.

Durch Zufall bin ich auf ein Gedicht gestoßen, welches Schillers Pilgrim ziemlich ähnelt. Das Ich des Gedichts von Emily Dickinsons Will there really be a „Morning“ ist so viel naiver als das verlorene Ich von Schiller, der nach jahrelanger Wanderschaft die Leere der Welt erblickt, doch das macht Dickinsons Gedicht so fabelhaft. In kurzen regelmäßigen Strophen, die nur aus Fragesentenzen bestehen, zweifelt der Pilgrim nach dem Licht der Welt. In scheinbar absurden Fragen, ob der ‚Morning‘ eher Pflanze (V. 5) oder Tier (V. 6) ist, kann das wandernde Dasein in einer Welt, dessen Tagesablauf nur die Nacht kennt, auf keine Antwort, nicht mal auf eine Vorstellung kommen, was es eigentlich sucht. Denn der Tag nach dem es sucht, ist das Gegenteil der Nacht, in dessen dauerhaften Zustand es gefangen ist, so ist die Idee des Morgens der Ausgang aus seiner eigenen Welt. Das Frage-Schema wird durchbrochen, um in der letzten Strophe Autoritäten zur vergeblichen Hilfe anzurufen: Die ‚Scholars‘ stehen für das vermeintlich sichere Wissen der ‚Sailor‘ steht für die Erforschung für die unerreichbaren Teile der Welt und die ‚Wise Men from the skies‘ sind letztlich die Bitte nach einer geringsten Vorstellung einer Transzendenz. ‚The Place called morning‘ rückt schließlich Zeit und Ort zusammen und ist die Ahnung einer außerweltlichen, unnahbaren und unvorstellbaren Utopie.

„Will there really be a „Morning“?
Is there such a thing as „Day“?
Could I see it from the mountains
If I were as tall as they?

Has it feet like Water lilies?
Has it feathers like a Bird?
Is it brought from famous countries
Of which I have never heard?

Oh some Scholar! Oh some Sailor!
Oh some Wise Men from the skies!
Please to tell a little Pilgrim
Where the place called „Morning“ lies!“

Emily Dickinson

Schillers Pilgrim und die trügerische Suche nach dem Höheren.

Die Weltliteratur ist voll von Pilgergedichten, grade weil das Lesen und Dichten so sehr mit dem Wesen des Reisens und des Wanderns verbunden ist, wie auch Walter Moers findet. Der Pilger bringt die neue Dimension des Glaubens hinzu, die Schiller im folgenden Gedicht bereits wieder abstrahiert hat. Die Urgeschichte des Jungen, der auszieht um seinem Lebensweg zu folgen, geht schlecht aus, worin grade darin die Pointe des Gedichts liegt. Egal wie fleißig er sein Lebensideal verfolgt und egal wie er sich ihm zu nähern denkt, am Ende ist da einfach nichts. Das ‚dunkle Glaubenswort‘ war immer nur eine Illusion und mit ihm der Gedanke vom Himmel auf Erden.

Zwar ist der Text ziemlich gut als Religionskritik zu lesen, doch spricht er auch vom säkularen Leben. In einer Welt, wo sich jeder Mensch seine eigene Bestimmung suchen und seinen eigenen Sinn konstruieren muss, kann kein Aussicht vertraulich und kein Glaubenswort wahr sein. Jeder Glaube an etwas Erfüllendes bleibt Selbstlüge und -betrug. Was bleibt ist nur die Leere nach dem Ozean.

Friedrich Schiller – Der Pilgrim

Noch in meines Lebens Lenze
War ich, und ich wandert‘ aus,
Und der Jugend frohe Tänze
Ließ ich in des Vaters Haus.

All mein Erbtheil, meine Habe
Warf ich fröhlich glaubend hin,
Und am leichten Pilgerstabe
Zog ich fort mit Kindersinn.

Denn mich trieb ein mächtig Hoffen
Und ein dunkles Glaubenswort,
Wandle, rief’s, der Weg ist offen,
Immer nach dem Aufgang fort.

Bis zu einer goldnen Pforten
Du gelangst, da gehst du ein,
Denn das Irdische wird dorten
Himmlisch, unvergänglich sein.

Abend ward’s und wurde Morgen,
Nimmer, nimmer stand ich still;
Aber immer blieb’s verborgen,
Was ich suche, was ich will.

Berge lagen mir im Wege,
Ströme hemmten meinen Fuß,
Über Schlünde baut‘ ich Stege,
Brücken durch den wilden Fluß.

Und zu eines Stroms Gestaden
Kam ich, der nach Morgen floß;
Froh vertrauen seinem Faden,
Werf‘ ich mich in seinen Schooß.

Hin zu einem großen Meere
Trieb mich seiner Wellen Spiel;
Vor mir liegt’s in weiter Leere,
Näher bin ich nicht dem Ziel.

Ach, kein Steg will dahin führen,
Ach, der Himmel über mir
Will die Erde nicht berühren,
Und das Dort ist niemals hier!

 

Verbotene Liebe im Mittelalter. Der Briefverkehr zwischen Abaelard und Héloise

Das hohe Mittelalter ist die Zeit, in der Erotik erstmals zu einem kulturell anerkannten Diskurs gedeiht. Ein einmaliges Dokument ist in dieser Hinsicht der Briefverkehr zwischen dem Theologie-Dozenten Abaelard und der Nonne Héloise. 

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(c) wiki commons. Abbildung Abaelards und Héloises im Roman de la Rose

Dabei ist nicht nur die Klosteruniversität Paris ein interessantes Setting für die Geschichte einer verbotenen Liebe, sondern kriegt der Leser Einblick in das neurotische Wesen Abaelards. Narzissmus wechselt sich darin mit Verfolgungswahn, Demut, Gottesfurcht und unglaublich viel Dankbarkeit aus. Er ist einer der renommiertesten Philosophen, Theologen und Rhetoriker im Europa des 12. Jahrhunderts und in allen Schulen und Universitäten hoch angesehen. Seine dunkelste Seite findet sich zweifellos in der erfolgreichen Verführung Héloises, die zu dem Zeitpunkt eine noch unschuldige Nichte eines Klostervorstehers ist, in dessen Wohnung er ein Zimmer bezieht, um sich dem Mädchen zu nähern. Er unterrichtet sie im Gegenzug in allen universitären Fächern und nutzt die Privatsphäre für die Entladung seiner Sexualbegierde aus:

Ich mußte sehr staunen, wie groß seine [Héloises Onkel] Einfalt war, und ich war bei mir nicht weniger entsetzt als wenn er das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf anvertraute. Wenn er sie mir nicht bloß zur Ausbildung, sondern auch zur heftigen Züchtigung auslieferte: was tat er da anderes, als meinen Wünschen vollkommene Freiheit zu gewähren und mir Gelegenheit zu bieten, auch ich nicht wollte, sie, wenn ich es mit Schmeicheleien nicht vermochte, mit Drohungen und Schlägen um so leichter umzustimmen. ABer besonders zweierlei hielt schmählichen Verdacht fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und der bisherige Ruf meiner Enthaltsamkeit.“ aus: Petrus Abaelard: Der Briefwechsel mit Héloise. Reclam-Ausgabe, S. 15.

Jetzt wo mit 50 Shades of Grey auch der gewaltvolle Liebesakt im Hollywoodkino angekommen ist, wieso nicht auch ein solche das Liebesspiel des Klosterpaar verfilmen? Was anfangs noch nach Nötigung aussieht, wird später in den Briefen auf eine wechselseitige Praxis dargestellt.  Nach diesem leichten Sadomasochismus, folgt Voyeurismus, Lehrer-Schüler-Erotik und das poetische Nachahmen von literarischen Liebespaaren. Abaelards Wesen erschöpft sich in der Rolle des Lüstlings jedoch nicht. Nachdem das Verhältnis entdeckt wird, muss sich das Paar im Geheimen treffen und spielen ein Versteckspiel in den Klostermauern Paris‘. Nachdem Abaelard der nun schwangeren Héloise einen inoffiziellen Heiratsantrag macht, um an seiner Karriere als Theologie-Dozent festzuhalten, muss er sie in das Kloster Argenteuil schicken, um sie von der Wut ihres Onkels zu schützen. Doch dieser weiß seinen Zorn mehr als nur zu bändigen und bezahlt Kriminelle in Abaelards Gemächern einzubrechen und ihm die Kastrationsstrafe zu erteilen.

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(c) wiki commons. Abaelard Statue im Palais du Louvre.

Abaelards klagender Stil gewinnt ab diesem Abschnitt an pathetischer Dramatik. Ungewiss ist ab jetzt nicht nur seine Zukunft als akademischer Lehrer geworden, sondern Angesichts seiner Vergehen die Zukunft im Himmelreich, weshalb er in den vollwertigen Klosterdienst tritt. Im späteren Leben übernimmt er mehr und mehr Verantwortung, für Héloise, indem er ihre Existenz sicher, ihr bis zu seinem Lebens Ende Obhut und Klosterämter verschafft.

„In dieser elenden Verzweiflung trieb mich weniger ein Verlangen nach Bekehrung – ich gestehe es offen – als die Verlegenheit meiner Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloisa hatte schon vorher auf mein Geheiß bereitwillig den Schleier genommen und war ins Kloster gegangen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St-Denis, sie im Kloster von Argenteuil.“ S. 25.

Er streitet die zwischenmenschliche Liebe zwar auf ihre Anfrage ab, doch ist er an einem Lebenspunkt angekommen, in dem er sein Schicksal nach irdischer Enttäuschung und das Gefühl von gesellschaftlicher Ablehnung jeder Art nur noch religiös deutet und die alle irdischen Vorkommnisse als Strafen für seine Eitel- und Lustbarkeiten akzeptiert. Sein Ratschlag ist schließlich, dass auch Héloise ihre Liebeserwartung in keine irdische Person setzen solle, weil diese immer falsch, nichtig und sündig sein würde, sondern sich einzig und allein Christus widmen soll, dessen Liebe immer währt. So findet diese Achterbahn einer mittelalterlichen Geschichte trotzdem noch ihren Ausgang im typischen Eremitentum.

Das Vermächtnis dieser Geschichte, die sich in ganz Europa verbreitet hat, sieht man schließlich in mittelalterlicher Literatur. Im Tristan-Roman von Gottfried von Straßburg wird die Nachahmung des Liebeslebens literarischer Figuren wieder aufgegriffen, wie auch das Versteckspiel unter den Augen der Autorität. Schließlich ist es Jean-Jacque Rousseau im 18. Jahrhundert gewesen, der der Nonne im Brief-Roman Die Neue Héloise ein Denkmal setzt.

SFB-Donnerstag: Bücher außerhalb meiner Reichweite

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(c) wiki commons

Nachdem ich am Montag von mir selbst behauptet habe, einen flexiblen Literaturgeschmack zu besitzen, muss ich mich zur heutigen, wirklich gut gestellten Frage von LAH etwas kritisch beleuchten. Welche Themen bringen mich dazu das Buch wegzulegen oder generell nicht anzufassen? Wofür kann ich mich einfach nicht begeistern? Offen für alles bin ich jedenfalls bestimmt nicht. Ich mag es von meiner Lektüre herausgefordert zu werden. Wenn ich meinen Kopf nicht dazu bringen kann, das Buch als geistiges Rätsel zu betrachten, dann hab ich meistens daran einfach keine Interesse.

Viel problematischer als das ist aber mein Hang zu Klassikern. Von Klassikern weiß ich, dass sie in irgendeiner Hinsicht interessant sind. Beim Lesen kann ich mich dann fragen, was genau es ist, was sie zu Klassikern gemacht hat. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass alles was kein Klassiker ist im ersten Moment auf Skepsis meinerseits stößt. Wenn darüber hinaus ich über keine Kritiker- oder Bekanntenmeinungen weiß, die mich irgendwie das Buch schmackhaft machen können, würde ich es nur in den seltensten Fällen anfangen.

Aus diesem Grund habe ich wohl nie ein Buch eines afrikanischen Autors gelesen. In den Medien, über die ich mich so informiere, wird ja leider nie über afrikanische Literatur berichtet. Und selbst wenn, würde ich wahrscheinlich häufiger meine persönliche „Unbedingt-vor-dem-Tod-lesen-Liste“ abarbeiten, als den für mich noch völlig unbekannten literarischen Kontinent zu erkunden. Das ist ziemlich tragisch, weil ja grade an meinem Anspruch, meinen geistigen Horizont beim Lesen zu erweitern und etwas Fremdes zu erfahren, von afrikanische Literatur in vollster Weise entsprochen werden würde.

Zur Montagsfrage: Was ist die perfekte Lektüre?

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(c) wiki commons. Helen Stratton – Illustration zu einem Hans Christian Andersens Märchen

Früher konnte ich ausgefallene Literatur nie verstehen. Irgendwie hatsie mich nie betroffen. Das Schicksal anderer Menschen war mir egal, wenn ich mich nicht selbst in ihnen wiederfinden konnte. Also war mein Geschmack ziemlich einseitig: Murakami, Kafka, Comics, Heldengeschichten.. Ich wollte von Menschen lesen, die irgendeine Seite meines Charakters bedienen und war enttäuscht, wenn das nirgends zu finden war. Dann kam mein Germanistik-Studium und ich wurde mit viel mehr Literatur konfrontiert, bei denen die Figuren nicht so sind wie ich. Das hieß aber auch, dass in dieser Umbruchphase lesen nicht immer Spaß gemacht hat, sondern ziemlich anstrengen und mühsam war.

Heutzutage bin ich aber glücklich mit meiner weitaus flexibleren Lesegewohnheit, auch wenn sie noch um ein einiges flexibler sein sollte. Von Literatur erwarte ich heutzutage, dass sie nur noch bis zu einem bestimmten Grad so sind wie ich, um mich aus meiner Alltagswelt abzuholen, Aufmerksamkeit zu erregen und empfänglich zu machen, und danach ganz unterschiedlich zu mir sind, um mir etwas faszinierendes Anderes zu zeigen und mich an Orte führen, auf die ich selbst nie kommen würde. Wenn diese Orte dann auch noch so sehr betreffen, dass man sich gezwungen fühlt sich selbst überdenkt, dann ist für mich die perfekte Lektüre erreicht, die erst im Kopf des Lesers wirklich beginnt.

 

Die Goethe/Schiller-Verfilmungen der letzten Jahre. Kabale und Liebe, Goethe! und Die geliebten Schwestern

Alle Jahre wieder schleichen sich deutsche Filmproduktionen in die hiesige Kino- und TV-Landschaft und verfilmen Stoffe aus dem Umfeld der beiden Klassiker. Natürlich sind die Ergebnisse changierend. Manchmal wird mit dem Stoff wirklich nicht mehr als hohe Kultur geheuchelt, manchmal ließ Massentauglichkeit die Filme scheitern aber manchmal bescherten sie uns mit durchaus wertvollen Szenen. Ich finde man sollte sich das Thema nicht schwerer machen, als es ist. Wer Klassiker verfilmt, sollte sie nicht auf einen Podest im Pantheon stellen, damit die Goethe- und Schillerbüsten nicht noch finster dreinschauen. Wichtig ist, zu aller erst einmal, dass sie überhaupt erstmal als Filme funktionieren und nicht als verfilmte Literatur. Die ist nämlich meistens erschreckend langweilig und nur für Achtklässler geeignet, die ein Hörspiel mit Bildern suchen. Wenn sie es aber schaffen nun über 200 Jahre alte Stoffe wie auch immer vermitteln können, sollte man sich für den alternativen Zugriff glücklich schätzen.Aber genug gelabert, kommen wir zu den Filmen:

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(c) ZDF – Petro Domenigg

Leander Haußmann gilt als renommierter Theaterregisseur, der seine Stärke vor allem in peppigen Inszenierungen ausspielen kann. Seine Verfilmung von Kabale und Liebe 2005 setzt auf die originalen Dialoge und auf historische Kostümierung und Kulisse. Die Optik des Films ist durchaus ansehnlich, die Schauspieler überzeugen alle samt und auch über das Weichspülpulver ist in den Liebesszenen von Ferdinand und Luise kann man hinwegsehen. Aber letztlich scheitert der Film doch daran ausschließlich für das bildungsbürgerliche Publikum mit Sitzfleisch gemacht zu sein. Der Film reißt nicht mit und haut nicht vom Hocker, grade weil er den einfachen Weg einer historischen Inszenierung wählt und dabei nicht herausragend ist. Die zwei Grunde, für das sich die Sicht aber trotzdem lohnen kann sind August Diehl und die Verse Schillers, die zwar nicht ganz lebendig aber deren Stärke doch manchmal durchschimmern. Wer interessiert ist, guckt einfach das Ende, den besten Teil des Films.

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(c) Warner Bros

Goethe! macht es nun anders. Historische Kostümierung aber moderne Dialoge. Als Kinofilm aus dem Jahr 2010 zwar jugendlicher aber mindestens genauso bieder wie Kabale und Liebe. Das Goethe-Bild vom romantischen, sentimentalen Jüngling wird durchgehalten, erst zum Ende rührt er die Feder an und verfasst den Werther-Roman. Alexander Fehling als Goethe und Miriam Stein als Lotte machen eine wirklich gute Figur, die Optik ist wirklich durchdacht und liefert schöne Bilder, die man sich gerne mal als Desktophintergründe einstellen kann, nur ist der Inhalt über alle Maßen vermainstreamed, was die typischen Vor- aber vor allem auch Nachteile bietet.

Mit der neusten Produktion Die geliebten Schwestern von 2014 ist Dominik Graf der mit Abstand beste Film über Schiller gelungen. Er handelt über die menage á trois des Dichters mit den Geschwistern Lengefeld und bietet dabei eine glaubhafte Einführung in Schillers klassisches Denken. Zwar kreist der Film dann zu sehr um Bettgeschichten, doch selbst in denen werden verschiedene Typen der emanzipierten Frau des Bürgertums um 1800 dargestellt. Dabei gibt sich der Film aber nicht unnötig schnöselig oder verkünstelt und darin liegt seine große Stärke. Das Freiheitsideal der Klassik könnten viel aufbrausender vermittelt werden, doch wählt Dominik Graf sie vielmehr durch den Rückbezug auf die tragischen Biografien in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Befreiung der Lebensstile kommt nicht aus Schillers Ansporn, seine Rolle ist eine ausgesprochen passive, doch bildet er stets den Fixpunkt der weiblichen Verwandlungen. Das kommt zum großen Preis des Wohlstands und der stabilen Identitätsbilder oder, wie die Extremszene der Charlotte von Kalb (Anne Schäfer) zeigt, mit dem totalen Selbstverlust.

11 Gegensätze: Ein dickes und ein dünnes Buch

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Elizzy91 hat in ihrer heutigen Challenge wieder mal den Blick ins Bücherregal provoziert. Sie hat sich wirklich zwei interessante Beispiele ausgesucht und zufällig hat Zehn Wahrheiten von Mirana July ein wirkliches ähnliches Konzept wie meine Bücher, die aus kurzen Wahrheiten bestehen, selbst wenn man diese nicht sofort versteht oder es sich vielleicht schon um abgelaufene Wahrheiten handelt.

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Das flache Buch ist eine der schönsten Gedichtzyklen, die es so gibt. Sonette an Orpheus in einer schlichten und übersichtlichen Ausgabe verlegt vom Insel-Verlag. Mit den magischen Versen kann man den ganzen Tag lang mit Lesen verbringen und beim Interpretieren fühlt man sich immer wieder wie bei einem Rätselspiel. Doch die Verse müssen nicht einmal verstanden, um genossen zu werden, so musikalisch sind sie geschrieben. Purer Sprachzauber.

Die Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer ist eine mittelalterliche Kurzgeschichtensammlung, bei der sich  24 Pilger aus den verschiedensten gesellschaftlichen Zusammenhängen gegenseitig ziemlich derbe Erzählungen darbieten. Dabei entsteht ein lustig-buntes Panorama von spätmittelalterlichen Vorstellungen, was mit so viel Ironie und Scherz gezeichnet ist, dass es immer wieder die Mittelalterklischees unterläuft. Meine Lieblingsgeschichte ist die Erzählung die vom Ablaßkrämer, wo drei Freunde ihren vierten verstorbenen Kumpanen bedauern und ausziehen um den Tod zu töten.