Was weiß Dean Moriarty über das Leben? Über den Protagonisten von Kerouacs ‚On the Road‘.

Was weiß Dean Moriarty über das Leben?

Dass es scheiße ist: voller übler Dinge, wie Verrat, Betrug, Muße, Langeweile, Unfairness, sozialer Ungleichheit oder Respektlosigkeit, und er selbst schon von früh an Teil davon. Aufgewachsen als Kleinkrimineller, der ein Drittel seines Lebens am Billardtisch, das andere im Knast, doch das letzte in der öffentlichen Bibliothek verbracht hat, geht sein Lebensvollzug immer schon mit einem nur nachträglichen Denken darüber einher. Er verkörpert dabei die unhaltbare Energie einer Flut, die auf die Klippen des Lebens prescht. Gesegnet mit genug Charisma, um sich in jeder Situation Freunde und Affären zu verschaffen, doch verflucht durch die Eigenschaft nicht still halten zu können, sich nicht in geflogene Verhältnisse einzugliedern und seiner großen Liebe deswegen zu entsagen, weil er das Leben mehr liebt als sie, treibt er durch Spontaneität und Intuition von Ereignis zu Ereignis, ohne sich aber zu sehr in der Sinnlichkeit zu verlieren. Es gilt für ihn nicht seine Triebe bis aufs Letzte zu strapazieren, sondern den Lebensstrom so sehr wie irgend möglich an sich zu reißen.

Er wählt die Straße und das Reisen, um seine Flügel über das Land auszubreiten. Jeder lernt Dean Moriarty kennen, liebt ihn oder hasst ihn. Seine Seele glänzt durch seine abgetragene Kleidung und spiegelt seine Ausstrahlung auf die Menschen, die nichts tun, nichts wissen, kaum Leben und sich lebendiger fühlen durch ihn. Er betrachtet sich selbst als ein bereits von der Gesellschaft Geschlagener, elendig und reudig, gewinnt grade dadurch aber seinen unumstößlichen Optimismus. Irgendwie weiß er immer, das alles gut ausgehen wird, nicht weil es die Gesellschaft durch irgendeine Form von Gerechtigkeit hervorbringt, sondern weil das Leben allein schon wert zu leben ist. Weil er es als kostbar, sogar heilig ansieht: „we’ll dig Denver tonight and see what everybody’s doing although that matters little to us, the point being that we know what IT is and we know TIME and we know that everything is FINE“.

So wird das Leben auf der Straße zur Bestimmung eines Menschen, der in einer gebeutelten Welt vor dem Leben nicht etwa weglaufen, sondern ihm in höchster Geschwindigkeit entgegenrennt. Veränderungen sind die Essenz dieses Lebens, was sich durch immer währende Veränderung und der Suche nach dem IT erhält. Diese Suche geht notwendigerweise durch die Armut und das Elend, doch wird das Leben grade dort am wahrhaftigsten gefühlt: „And for just a moment I had reached the point of ecstasy that I always wanted to reach, which was the complete step across chronological time into timeless shadows, and wonderment in the bleakness of the mortal realm, and the sensation of death kicking at my heels to move on […]“, schreibt Sal nachdem er alles verloren und nichts anderes als nur noch sich selbst hat. Speed und Ecstasy sind, wie er feststellt, gar keine Drogen, sondern der ultimative Rausch, der eintritt, wenn man der Existenz selbst ins Gesicht schaut.

Was die Lebensreise aber überhaupt möglich macht, ist die ungebrochene Liebe an den Gott im Himmel, der auch über den ärmsten ruht und ihnen die Güte des Lebens versichert. „Don’t you know that God is Pooh bear?“, wird am Ende des Romans neckisch gefragt. Der kleine Mensch spiegelt sich in den Weiten des Ganzen: Gott kann nur Pooh sein, weil der ihn sich vorstellende Mensch die ungebrochene Lebensaffirmation des Plüschbären in sich trägt, dieser dann dem Menschen entgegentritt, ihm zulächelt und ihm versichert, dass alles nur gut sein wird.

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