Was weiß Dean Moriarty über das Leben? Über den Protagonisten von Kerouacs ‚On the Road‘.

Was weiß Dean Moriarty über das Leben?

Dass es scheiße ist: voller übler Dinge, wie Verrat, Betrug, Muße, Langeweile, Unfairness, sozialer Ungleichheit oder Respektlosigkeit, und er selbst schon von früh an Teil davon. Aufgewachsen als Kleinkrimineller, der ein Drittel seines Lebens am Billardtisch, das andere im Knast, doch das letzte in der öffentlichen Bibliothek verbracht hat, geht sein Lebensvollzug immer schon mit einem nur nachträglichen Denken darüber einher. Er verkörpert dabei die unhaltbare Energie einer Flut, die auf die Klippen des Lebens prescht. Gesegnet mit genug Charisma, um sich in jeder Situation Freunde und Affären zu verschaffen, doch verflucht durch die Eigenschaft nicht still halten zu können, sich nicht in geflogene Verhältnisse einzugliedern und seiner großen Liebe deswegen zu entsagen, weil er das Leben mehr liebt als sie, treibt er durch Spontaneität und Intuition von Ereignis zu Ereignis, ohne sich aber zu sehr in der Sinnlichkeit zu verlieren. Es gilt für ihn nicht seine Triebe bis aufs Letzte zu strapazieren, sondern den Lebensstrom so sehr wie irgend möglich an sich zu reißen.

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Der Nachklang gelesener Bücher

Der Leseprozess  ist ein spezielles Thema und nicht immer einfach, teilweise auch mühselig.  Jedoch ist die Nachwirkung von Gelesenem für mich fast schon wertvoller, da, wenn es in Berührung tritt mit Themen aus dem eigenem Leben, neue Verknüpfungen schafft und Platz für neue Assoziationen, die eigene Welt etwas größer wird. Diese Rubrik soll eine Plattform sein, um in Erinnerungen zu schwelgen und den Nachklang gelesener Bücher, sei es der Fantasy-Roman aus der Kindheit oder das ehemals gehasste Drama aus der Schulzeit, oder sonst ein Buch, zu reflektieren.

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Virginia Woolf, 1902

Es gibt bis jetzt noch kein Buch, welches mein Denken so entscheidend beeinflusst hat und mir neue Wege und Türen geöffnet hat, wie „a room of one’s own“ von Virginia Woolf. Beim Lesen selbst wurde ich schon in ihren Bann gezogen, da ihre Wortfindung und der gesamte Lesefluss so kurvenartig und zugleich pointiert ist, dass immer, wenn bei mir der Anschein von Anstrengung oder Langeweile aufkam, eine neue Fassette des Feldes beleuchtet wurde und mich von neuem mitriss. Von der Oberfläche bis hinab zu dem Kern, sehr logisch und treffsicher, beschäftigt sie sich mit dem Thema: Frauen und Literatur. Dieses Essay ist eine kleine Zeitreise und anthropologische Studie zugleich, verknüpft mit gesellschaftlichen und aktuellen Ursachen der Thematik.

Auch kein anderes Buch beziehe ich so oft in Diskussionen ein und scheine so leidenschaftlich davon zu erzählen, dass zwei Freunde das Buch gleichzeitig ausleihen wollten und dadurch ein kleiner Streit entstand!! Ich bin mir ziemlich sicher, dass das das ultimative Ziel jedes_r Autors_in ist.

Bildquelle: http://fivebooks.com//app/uploads/2016/06/virginia-woolf.jpg

 

Die zwei Statuen der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen

Von der kleinen Meerjungfrau, der Märchenfigur von Hans Christian Andersen, stehen zwei unterschiedliche Bronzefiguren in Kopenhagen.

Die eine ist von Edvard Eriksen im Jahr 1913 gemeißelt worden, gilt als das Wahrzeichen der dänischen Hauptstadt und zeigt die nachdenkliche Meerjungfrau zierlich auf einem Felsen sitzen. Ihre Beine gehen in eine Flosse über, doch ist sie von der Vorderseite nicht im Geringsten als Halbwesen erkennbar. Man betrachtet sie von vorn und sieht somit dem Fantasiefigur gegenübergestellt. Andersen erzählt, dass Meerjungfrauen nach dreihundert Jahren Lebenszeit in den Schaum des Meeres verwandelt werden. Die kleine Meerjungfrau will sich dem widersetzen, träumt von einem menschlichen Leben an der Seite eines schönen Prinzen und beneidet die ewigen Menschenseele, die nach dem Tod in das Himmelreich hinaufsteigt. So verkörpert der Blick der Meerjungfrau Eriksens auch den Blick in den Betrachter hinein, wo sie die unsterbliche Seele vermutet, von der sie so fasziniert ist.

Die zweite Statue steht am Ufer der Kopenhagener Königlichen Bibliothek und ist von Anne Marie Carl-Nielsen aus dem Jahr 1921. Die Figur durchzieht eine angespannte, expressionistische Schock-Geste und verkörpert durch ihre starke Flosse und großen Augen deutlichere tierische Merkmale. Vielleicht wird der Zustand des ersten Emporkommens aus dem Wasser dargestellt, bei der die Meerjungfrau das erste Mal die Menschenwelt sieht, von der sie sich so viel erzählt hat. Der Blick in die Welt außerhalb hat neben der Schau der Wunder gleichzeitig das zutiefst Negative in sich. Sie sieht aus, als könne sie keine Luft atmen und als würde sie erdrückt werden von Erscheinung der Außenwelt. Platziert ist sie in Richtung Betrachter und Bibliothek, sodass sie gleich wieder den Rückzug in den Fluss anzutreten scheint. Die Meerjungfrau aus Andersens Märchen erfreut sich an den Kirchtürmen, Bauernhöfen und Prinzen der Menschenwelt. Diese kommt an Land, findet nichts dergleichen vor, stattdessen nur die modern zivilisierte Welt und wünscht sich im selben Moment zurück in ihre Märchenwelt.