Verbotene Liebe im Mittelalter. Der Briefverkehr zwischen Abaelard und Héloise

Das hohe Mittelalter ist die Zeit, in der Erotik erstmals zu einem kulturell anerkannten Diskurs gedeiht. Ein einmaliges Dokument ist in dieser Hinsicht der Briefverkehr zwischen dem Theologie-Dozenten Abaelard und der Nonne Héloise. 

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(c) wiki commons. Abbildung Abaelards und Héloises im Roman de la Rose

Dabei ist nicht nur die Klosteruniversität Paris ein interessantes Setting für die Geschichte einer verbotenen Liebe, sondern kriegt der Leser Einblick in das neurotische Wesen Abaelards. Narzissmus wechselt sich darin mit Verfolgungswahn, Demut, Gottesfurcht und unglaublich viel Dankbarkeit aus. Er ist einer der renommiertesten Philosophen, Theologen und Rhetoriker im Europa des 12. Jahrhunderts und in allen Schulen und Universitäten hoch angesehen. Seine dunkelste Seite findet sich zweifellos in der erfolgreichen Verführung Héloises, die zu dem Zeitpunkt eine noch unschuldige Nichte eines Klostervorstehers ist, in dessen Wohnung er ein Zimmer bezieht, um sich dem Mädchen zu nähern. Er unterrichtet sie im Gegenzug in allen universitären Fächern und nutzt die Privatsphäre für die Entladung seiner Sexualbegierde aus:

Ich mußte sehr staunen, wie groß seine [Héloises Onkel] Einfalt war, und ich war bei mir nicht weniger entsetzt als wenn er das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf anvertraute. Wenn er sie mir nicht bloß zur Ausbildung, sondern auch zur heftigen Züchtigung auslieferte: was tat er da anderes, als meinen Wünschen vollkommene Freiheit zu gewähren und mir Gelegenheit zu bieten, auch ich nicht wollte, sie, wenn ich es mit Schmeicheleien nicht vermochte, mit Drohungen und Schlägen um so leichter umzustimmen. ABer besonders zweierlei hielt schmählichen Verdacht fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und der bisherige Ruf meiner Enthaltsamkeit.“ aus: Petrus Abaelard: Der Briefwechsel mit Héloise. Reclam-Ausgabe, S. 15.

Jetzt wo mit 50 Shades of Grey auch der gewaltvolle Liebesakt im Hollywoodkino angekommen ist, wieso nicht auch ein solche das Liebesspiel des Klosterpaar verfilmen? Was anfangs noch nach Nötigung aussieht, wird später in den Briefen auf eine wechselseitige Praxis dargestellt.  Nach diesem leichten Sadomasochismus, folgt Voyeurismus, Lehrer-Schüler-Erotik und das poetische Nachahmen von literarischen Liebespaaren. Abaelards Wesen erschöpft sich in der Rolle des Lüstlings jedoch nicht. Nachdem das Verhältnis entdeckt wird, muss sich das Paar im Geheimen treffen und spielen ein Versteckspiel in den Klostermauern Paris‘. Nachdem Abaelard der nun schwangeren Héloise einen inoffiziellen Heiratsantrag macht, um an seiner Karriere als Theologie-Dozent festzuhalten, muss er sie in das Kloster Argenteuil schicken, um sie von der Wut ihres Onkels zu schützen. Doch dieser weiß seinen Zorn mehr als nur zu bändigen und bezahlt Kriminelle in Abaelards Gemächern einzubrechen und ihm die Kastrationsstrafe zu erteilen.

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(c) wiki commons. Abaelard Statue im Palais du Louvre.

Abaelards klagender Stil gewinnt ab diesem Abschnitt an pathetischer Dramatik. Ungewiss ist ab jetzt nicht nur seine Zukunft als akademischer Lehrer geworden, sondern Angesichts seiner Vergehen die Zukunft im Himmelreich, weshalb er in den vollwertigen Klosterdienst tritt. Im späteren Leben übernimmt er mehr und mehr Verantwortung, für Héloise, indem er ihre Existenz sicher, ihr bis zu seinem Lebens Ende Obhut und Klosterämter verschafft.

„In dieser elenden Verzweiflung trieb mich weniger ein Verlangen nach Bekehrung – ich gestehe es offen – als die Verlegenheit meiner Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloisa hatte schon vorher auf mein Geheiß bereitwillig den Schleier genommen und war ins Kloster gegangen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St-Denis, sie im Kloster von Argenteuil.“ S. 25.

Er streitet die zwischenmenschliche Liebe zwar auf ihre Anfrage ab, doch ist er an einem Lebenspunkt angekommen, in dem er sein Schicksal nach irdischer Enttäuschung und das Gefühl von gesellschaftlicher Ablehnung jeder Art nur noch religiös deutet und die alle irdischen Vorkommnisse als Strafen für seine Eitel- und Lustbarkeiten akzeptiert. Sein Ratschlag ist schließlich, dass auch Héloise ihre Liebeserwartung in keine irdische Person setzen solle, weil diese immer falsch, nichtig und sündig sein würde, sondern sich einzig und allein Christus widmen soll, dessen Liebe immer währt. So findet diese Achterbahn einer mittelalterlichen Geschichte trotzdem noch ihren Ausgang im typischen Eremitentum.

Das Vermächtnis dieser Geschichte, die sich in ganz Europa verbreitet hat, sieht man schließlich in mittelalterlicher Literatur. Im Tristan-Roman von Gottfried von Straßburg wird die Nachahmung des Liebeslebens literarischer Figuren wieder aufgegriffen, wie auch das Versteckspiel unter den Augen der Autorität. Schließlich ist es Jean-Jacque Rousseau im 18. Jahrhundert gewesen, der der Nonne im Brief-Roman Die Neue Héloise ein Denkmal setzt.

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3 Kommentare zu „Verbotene Liebe im Mittelalter. Der Briefverkehr zwischen Abaelard und Héloise

  1. Huhu,

    schöner Blog hier 🙂 Die Art und Weise wie ihr schreibt macht mir richtig Lust selbst zu einem der hier vorgestellten Bücher zu greifen. Oder vielleicht endlich meinen Vorsatz aus dem Abitur-Geschichtskurs umzusetzen und Erasmus von Rotterdam zu lesen…

    Liebe Grüße,
    Lena

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    1. vielen dank! Wenn du eine Empfehlung brauchst, dann kann ich Das Lob der Torheit empfehlen. Sind ein paar sympathische Gedankenspiele, aber ich denke man versteht viel von seiner faszination, wenn man sich mit seinem Leben beschäftigt! Lg, kuya

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