Ich zitiere… „Ich sitze und lese einen Dichter“ aus Malte Laurids Brigge von R. M. Rilke

In ‚Ich zitiere…‘ sammeln wir in regelmäßigen Abständen Zitate, denen wir begegnen und festhalten wollen. Ein Lesetagebuch als Zitatsammlung.

pasternak-rilke
(c) wiki commons: R. M. Rilke von Leonid Pasternak

Aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke:
„Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen. Ach, wie gut ist es doch, unter lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hingehen zu einem und ihn leise anrühren: er fühlt nichts. Und stößt du einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden. Wie wohl das tut. Und ich sitze und habe einen Dichter. Was für ein Schicksal. Es sind jetzt vielleicht dreihundert Leute im Saale, die lesen; aber es ist unmöglich, daß sie jeder einzelne einen Dichter haben. (Weiß Gott, was sie haben.) Dreihundert Dichter gibt es nicht. Aber sieh nur, was für ein Schicksal, ich, vielleicht der armseligste von diesen Lesenden, ein Ausländer: ich habe einen Dichter. Obwohl ich arm bin. Obwohl mein Anzug, den ich täglich trage, anfängt, gewisse Stellen zu bekommen, obwohl gegen meine Schuhe sich das und jenes einwenden ließe.“

Der in Paris vereinsamte Malte flieht sich in seiner Freizeit in die Dichtung Verlaines und findet in ihm das Liebste, was ihm in seiner schweren Zeit geboten wird. Das Zitat vermittelt ziemlich gut das intime Verhältnis, dass beim Lesen aufgebaut wird. Niemand sonst, nur das Ich allein darf über in eine Beziehung zum Dichter treten, sonst ist dieses exklusive Gefühl verletzt. Malte hat keine andere Form von Intimität, kann sich deshalb nicht eingestehen, dass Verlaine von allen gelesen wird, und die 300 andere Leser ein ebenso intimes Verhältnis zu ihren Dichtern haben.

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